Sonntag, 25. Januar 2004
Verschieden, aber zufrieden
Verschieden, aber zufrieden

Der Leopard hat Flecken,
Der Papagei ist dreist,
Das Nashorn, das hat Zecken,
Das Nilpferd, das ist feist.

Der Hai hat scharfe Zähne,
Und Krallen hat der Bär,
Der Elch hat eine Mähne,
Der Wal ist träg und schwer.

Die Gans hat weiße Federn,
Die Ziege einen Bart,
Die Haut vom Pferd ist ledern,
Der Schwanz vom Schwein apart.

Sie alle sind verschieden,
Am Kopf, am Schwanz, am Bauch,
Und doch mit sich zufrieden!
Ich hoff, du bist es auch.

(Günter Strohbach)

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Über Nacht...
...ist neuer Schnee gefallen. Aus grauen, tiefhängenden Wolken rieselt er noch immer hauchzart auf kahle Zweige, überzuckert den hart gefrorenen Boden.
In der Ferne bellt ein Hund. Sonst ist es still im Wiesengrund.

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Das Mauerblümchen
Das Mauerblümchen

Im goldnen Sonnenlicht.
Ein Mauerblümchen durch die Ritzen bricht.
Es windet sich empor mit Macht.
Und wiegt die Blütenknospe sacht.
Bis plötzlich es sich sanft entfaltet.
Und eine Blüte sich gestaltet.
Die fein und zart im Lichte blinkt.
Und einem Falter schüchtern winkt.

Von weitem ist es kaum zu sehn.
Doch wenn im Wind die Knospen wehn.
Sieht man die Pracht der jungen Pflanze.
Sie lädt die Käfer oft zum Tanze.

Möge es doch nie vergehn.
Ob Sturm und Eis darüber wehn.
Ihr Abbild bleibt in meinem Herzen.
Nächstes Frühjahr blüht es ohne Schmerzen.

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Geschichte vom dummen Hänschen
Hänschen

Hänschen will ein Tischler werden,
ist zu schwer der Hobel;
Schornsteinfeger will er werden,
doch das ist nicht nobel;
Hänschen will ein Bergmann werden,
mag sich doch nicht bücken;
Hänschen will ein Müller werden,
doch die Säcke drücken;
Hänschen will ein Weber werden,
doch das Garn zerreißt er:
Immer, wenn er kaum begonnen,
jagt ihn fort der Meister.

Hänschen, Hänschen denke dran,
was aus dir noch werden kann!

Hänschen will ein Schlosser werden,
sind zu heiß die Kohlen;
Hänschen will ein Schuster werden,
sind zu hart die Sohlen;
Hänschen will ein Schneider werden,
doch die Nadeln stechen;
Hänschen will ein Glaser werden,
doch die Scheiben brechen;
Hänschen will Buchbinder werden,
riecht zu sehr der Kleister:
Immer, wenn er kaum begonnen,
jagt ihn fort der Meister.

Hänschen, Hänschen denke dran,
was aus dir noch werden kann!

Hänschen hat noch viel begonnen,
brachte nichts zu Ende,
drüber ist die Zeit verronnen,
schwach sind seine Hände.
Hänschen ist nun Hans geworden,
und er sitzt voll Sorgen,
hungert, bettelt, weint und klaget
abends und am Morgen:
Ach, warum nicht war, ich Dummer,
in der Jugend fleißig?
Was ich immer auch beginne -
dummer Hans nur heiß' ich.
Ach, nun glaub' ich selbst daran,
dass aus mir nichts werden kann.


Rudolf Löwenstein

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Der Winter
Der Winter

Der Winter ist ein
rechter Mann.
Kernfest und auf die
Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich
wie Eisen an.
Er scheut nicht süß
noch sauer.
Er zieht sein Hemd im
Freien an
Und läßt`s vorher nicht
wärmen.
Und spottet über Fluß
im
Und Kolik in
Gedärmen.

Aus Blumen und aus
Vogelsang
Weiß er sich nichts zu
machen.
Haßt warmen Drang
Und warmen Klang
Und alle warmen
Sachen.

Doch wenn die Füchse
bellen sehr.
Wenn`s Holz im Ofen
knittert.
Und an dem Ofen
Knecht und Herr
Die Hände reibt und
zittert.

Wenn Stein und Bein
vor Frost zerbricht
und Teich und Seen
krachen;
das klingt ihm gut, das
haßt er nicht.
dann will er sich
totlachen.

Sein Schloß von Eis
liegt ganz hinaus
beim Nordpol an dem
Strande;
doch hat er auch ein
Sommerhaus
im lieben
Schweizerlande.

Da ist er denn bald
dort bald hier,
gut Regiment zu
führen.
und wenn er durchzieht
stehn wir
und sehn ihn an und
frieren.

Matthias Claudius

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Die Null-Diat
Die Null-Diät

Herr Hinz mit Frau und Hund und Heim
ging mit den Jahren aus dem Leim,
verlor an Spannkraft und an Schick
und wurde breit und wurde dick.
"Frau", sprach er drum, "mit dem Genuss
von Kalorien ist jetzt Schluss.
Ab heute leb' ich, eh's zu spät,
ab heute lebe ich Diät."
Und konsequent versucht er alles,
was Opfer eines solchen Falles
auf unbequemen Schmalkostwegen
sich murrend anzutuen pflegen:
Da gab's Salat aus Lauch und Kressen,
in Gramm gewognes Trennkostessen,
Gemüse, Müsli, Korn, Zermatschtes
und Schlankheitstrunk und Weight-Gewatschtes
und Sauerkraut und Quark und Wurzeln.
Und siehe da: die Pfunde purzeln,
sogar recht schnell, doch noch viel schneller
ging auch die Stimmung in den Keller.
Sein Zustand wurde schlimm und schlimmer:
Von Lebensfreude keinen Schimmer.
Er fand mit Mosern und mit Motzen
sich und die ganze Welt zum Kotzen.
"Mann", sprach die Frau, "hör' auf zu hungern
und in Diäten rumzulungern:
denn dein Genörgel und Gemecker
geht mir allmählich auf den Wecker."
Gesagt, getan. Doch die Idylle
zerstört bald neue Leibesfülle,
denn der Jojo-Effekt beschwor,
dass er noch dicker als zuvor.
Herr Hinz kratzt sich im feisten Nacken:
"Verdammt noch mal, ich muss es packen!",
und er beschließt, dass ab sofort
sein Heil zu suchen sei im Sport.
Da wird geturnt, gejoggt, geschwitzt,
wie blöde durch den Wald geflitzt,
und auch beim Tennis und beim Skwosche
bis zur Erschöpfung rum gedroschen,
ja, selbst bei Nacht betreibt er hastig
- und zwar alleine - Bettgymnastik,
kurzum, es wird mit voller Wucht
der selbst diktierte Sport zur Sucht.
Sein Aussehn wurde derb und kantig,
sein Wesen wurde herb und grantig,
so dass sein Weib in Trauer schniebte:
"Du bist nicht der, den ich einst liebte!
Hör auf mit deinem blöden Sport,
sonst hau' ich ab, und zwar sofort!"
Das wollte Hinz auf keinen Fall,
und hörte auf und wurde drall.
So drall wie niemals je zuvor.
Er kratzt sich mühsam hinterm Ohr
(wir wissen, der Jojo-Effekt!)
und sprach: "Ich mach's mit Intellekt,
will transmental mich tief versenken
und mich ganz einfach schlanker denken,
da hat das Dicksein keine Chance",
und machte "Omm" und fiel in Trance.
So saß er in sich selbst versunken,
hat nicht gegessen, nicht getrunken,
und war so dürr wie vordem feist
und war zum Schluss fast nur noch Geist.
Nun machte, allem Geist zum Trutz,
Frau Hinz vor kurzem Frühjahrsputz,
und sie betrat, wie sonst auch immer,
zwecks Reinigung des Gatten Zimmer.
Als sie dem dürren Griesegram
staubsaugend nun zu nahe kam,
da macht es plopp! und mit dem Dreck
saugt sie auch ihren Gatten weg.
"Ach", sprach sein Weib, sein resolutes,
"auch dieses Ende hat sein Gutes,
was weg ist, muss ich nicht bestatten",
und nahm sich einen neuen Gatten.
Und die Moral von der Geschicht'?
Als Schlanker tot sein lohnt sich nicht,
zumindest nicht, solange man
als Dicker fröhlich leben kann!

(Jürgen Lux)

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Winternacht am Fenster
Winternacht am Fenster

Draußen
träumt der Schnee
auf Altstadtdächern,
Stille. Weich.

In mir zerrt der Sturm
an jungen Mauern.
Aufruhr. Hart.

Der Schnee wird schmelzen.
Der Sturm in mir
darf sich nie legen.

(Kristiane Allert-Wybranietz)

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